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Der-Adventskalender

le travelguide:
Café
Das Wartezimmer der Poesie.

Hermann Kesten (1900-1996), dt. Schriftsteller

le travelogue :
Cafés bedeuten mir viel, Urlaub für zwei Stunden, Kreativitätsoase, Aquarium. Nicht nur, um Gedanken zu orten, sondern auch, um zu verorten. Cafégeschichte #3, Anfang 2005, Starbucks, Düsseldorf (Auszug):

Die Idee der Cafégeschichten lässt mich nicht mehr los. Angefangen hat das vor fast zwei Jahren in Richmond / VA. Ich saß im „17,5“, einem etwas heruntergekommenen Café mit einem Buchantiquariat im ersten Stock. Ich hatte frei vom Camp. Es war Sonntag und ich hatte die Zeit bis zum Café mit L. verbracht. Eine gemeinsame Zeit, die mir immer noch nachhängt, weil sie von einer Vertrautheit gekennzeichnet war, die ich nicht vor-, noch nachher wieder erlebt habe.
Mir ging viel durch den Kopf zu dieser Zeit, also begann ich zu schreiben. Ich saß lange im Café und schrieb über die Menschen dort, über L., über die Welt um mich herum und die Welt in mir. Mir gefiel die Idee, Geschichten in Cafés zu schreiben. Ich wollte die Stimmungen einfangen und die Charaktere nachzeichnen in ihrer Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft wären meiner Phantasie entsprungen. Insgesamt sind keine Handvoll Geschichten entstanden. Entweder fehlte mir Zeit oder Muße. Und doch lässt mich die Idee nicht los.
Vielleicht ist es aber auch nur deswegen so schwer, weil ich immer nur zu Starbucks gehe. Ich mag den Style, den Kaffee, die Musik, aber die Gleichschaltung von Interieur und Menschen, egal wo auf der Welt, tötet Kreativität und Individualität. Die Menschen sehen immer gleich aus, je nach Tageszeit unterscheiden sich nur die Gruppen.
Gerade sind es die Businessmenschen, die dominieren. Die beiden jungen Frauen mir mit ihren spitzen Schuhen. Die beiden jungen Herren in Oberhemd und Krawatte eine Sitzgruppe weiter. Die beiden Frauen mittleren Alters auf der Couch in den pastellfarbenen Blusen. Sie unterscheiden sich eigentlich kaum von den beiden Teenager-Mädchen am Fenster, sie sind nur etwas sanfter und vorsichtiger in ihrem Habitus. In zwanzig Jahren sitzen die Teenis auf der Couch und haben ihre Miss-Sixty-Jeans gegen das Kostümchen eingetauscht. Bis dahin wird es nur noch Cafés, Geschäfte oder Marken geben, die jetzt schon mindesten 2000 Filialen auf der ganzen Welt haben. Die Gleichschaltung läuft. […]
Mir wird deutlich, wie sehr die Jazzmusik, das Ambiente und die Fotostudioatmosphäre jeden Menschen hier irgendwie erfolgreich erscheinen lassen. Man lebt einen Sepiaton, der jeden mit einem Glanz umgibt, der der Realität bestimmt nicht standhalten würde. Das hier ist ein Casting, ein Werbespot, ein h&m-Schaufenster. Und ich bin mittendrin.
 

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