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Der-Adventskalender

le travelguide:
Kein travelguide heute. Ich muss mich mal wieder alleine auf den Weg machen. Aber nicht ganz alleine. Mit dabei ist der beste Freund des Menschen. Ein Irish Setter aus dem Hildesheimer Tierheim. Leider nur auf Postkarte.

le travelogue:
Meine Beziehung zu Hunden war lange Zeit etwas gestört. Das mit dem besten Freund des Menschen konnte ich nie nachvollziehen. Warum sollte einen der beste Freund mitten ins Gesicht beißen? Genau das passierte nämlich damals.
(Ich wollte gerade beginnen mit: „Es war ein Tag wie jeder andere…“ – natürlich war er das! Man wacht ja nicht morgens auf und denkt sich: „Geil, heute werde ich von einem Hund gebissen. Endlich etwas Abwechslung in meinem Leben.“) Es war ein Tag. Wie jeder. Andere. Mein bester Freund wohnte auf einem Bauernhof. Wir selbst hatten auch mal einen, aber das war vor meiner Zeit. Es stand nur noch ein renovierungsbedürftiger Stall und wir hatten noch zwei Trecker und ein paar Anhänger, um Heu zu machen, das dann nach Holland verkauft wurde, und um Holz zu machen im Wald, damit wir im Winter den offenen Kamin und die zur Ölheizung zuschaltbare Holzfeuerung im Keller füttern konnten. Mein bester Freund aber lebte auf einem richtigen Bauernhof. So mit richtigen Treckern, großen. Und mit Kühen und so. Alles, was dazu gehört. Und eben einem Schäferhund.
Der Hund war super. Charlie war das Musterexemplar eines Hundes, groß, lieb, treu und eigentlich immer dabei, wenn wir irgendwas machten. Zumindest, wenn es auf dem Bauernhof passierte. Bis zu diesem einem Tag. Dem Tag. Wie jeder. Andere.
Wir saßen auf dem Hof, vor uns und links von uns das Wohnhaus, rechts der Stall für Kälber, an den sich die Garagen und das Technikgebäude anschließen, das am Ende vom Taubenschlag gekrönt wird. Hinter uns die Kastanie und der kleine Garten. Es war warm genug, um auf den Steinen zu sitzen, mein bester Freund, Charlie und ich. Unser Charlie quasi.
Ich weiß nicht, was wir vorher gemacht haben. Vielleicht mal wieder Cowboy gespielt oder unsere sämtlichen Verstecke abgefahren, oder den leer stehenden Heuspeicher erkundet. Irgendwas. Denn irgendwas gab es – natürlich - immer zu tun. Jetzt aber hatten wir ein neues Spiel und da durfte Charlie auch mitspielen. Er war sogar der Protagonist, denn das Spiel hieß Pfötchen geben. Und da mein bester Freund und ich keine Pfoten hatten, musste Charlie ran. Er ließ das auch willig mit sich machen. Mal bei meinem besten Freund, mal bei mir, dann wieder bei ihm, dann wieder bei mir, dann wieder…nein, diesmal nicht bei ihm. Charlie gab ihm nicht die Pfote. Vielleicht hatte er keine Lust. Vielleicht hat mein bester Freund auch einfach was falsch gemacht? „Komm, ich zeig dir mal, wie das geht“ sagte ich ihm und versuchte es wieder. „Charly, gib Pfötchen“ befahl ich. Und Charlie gab Pfötchen. „Siehste, so macht man das!“ sagte ich zu meinem besten Freund. Und vielleicht hat Charlie das einfach missverstanden oder wurde, ganz pawlowisch, konditioniert, selbstherrliche Arroganzbolzen zu beißen. Denn kaum entfuhr mir der Satz, machte Charlie einen. Und zwar in meine Richtung. Das alte Tier zeigte eine Schnelligkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte. Ich schon gar nicht. Ich hätte mir auch gewünscht, er selber nicht.
Charlie biss mich in meine Unterlippe, sodass sie, wie bei Bubba aus Forest Gump, nicht mehr nach oben zeigte, um im Zustand des geschlossenen Mundes mit der Oberlippe eine gemeinsame Linie zu ziehen, sondern, analog der Schwerkraft aber völlig entgegen der normalen menschlichen Physiognomie, nach unten. Das hätte mich nicht weiter stören müssen, schließlich hätte ich es ohne Spiegel gar nicht gesehen. Wenn die Schmerzen und das Blut nicht gewesen wären. „Hol deine Mama!“ schrie ich mich meinen besten Freund an, der leicht entsetzt und mit aufgerissen Augen neben mir stand und sich nicht bewegte. Ich wartete nicht auf ihn, sondern lief nach Hause, so schnell ich konnte. Hin zur Straße. Dann jedoch erstmal wieder zurück, um mein rostbraunes Fahrrad zu holen, das ich auf dem Hof liegen gelassen hatte. Verletzt zu sein ist doof. Natürlich. Aber seine Sachen ordentlich wegräumen, dazu sollte man sich immer Zeit nehmen.
Dann ging es jedoch ganz schnell nach Hause. Ich fuhr nicht, sondern schob mein Rad. Zum Glück waren es nur gut 300 Meter vom Höllenhund bis zum Elysium, wo alles wieder gut wird, wie immer, wenn Mama da ist. Dachte ich zumindest. Doch meinem stammelnden „Der Charlie hat mich gebissen!“ hatte sie auch nur Stammeln entgegenzusetzen und fünf Minuten später waren wir schon beim Arzt. Der schickte uns sofort ins Krankenhaus und dort wurde ich genäht.
Was blieb am Ende? Ins Elysium musste jemand anderes, Charlie nämlich, der wurde kurz darauf eingeschläfert. Das fand ich irgendwie beruhigend. Es half nur leider nichts, weil der neue Hund derart aggressiv war, dass ich mich nicht traute über den Bauernhof zu gehen, wenn er nicht angeleint war. Und selbst dann kläffte und bellte und riss er an der Eisenkette, dass ich sie vor meinem geistigen Auge schon zerspringen sah. Und mich auch.
Die Mutter meines besten Freundes kam ein paar Mal vorbei um mir Geschenke zu bringen. Generell habe ich nie wieder so viele Micky Maus-, Yps- und Fix & Foxi-Hefte bekommen wie damals. Immerhin was gutes. Und diesen elefantenförmigen Stundenplan gabs, den man beschreiben und wieder abwaschen konnte. Super Teil.
Meine Angst vor Hunden hat sich inzwischen wieder gelegt. Irgendwann kauf ich mir auch mal einen. Der beißt dann aber nicht. Das einzige, was ich als Langzeitwirkung davongetragen habe, ist, dass ich bis heute Root Beer nicht ausstehen kann, weil es schmeckt und riecht wie das Zeug, mit dem ich mir damals nach jedem Essen den Mund ausspülen musste, damit die Wunde sich nicht infiziert. Versteh nicht, wie man so was freiwillig trinken kann. Man lässt sich ja auch nicht freiwillig vom Hund beißen.
 

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