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Ich war zehn Jahre alt, vielleicht auch schon elf, bin mir nicht mehr sicher. Auf jeden Fall war ich in der fünften Klasse. Ich fühlte mich eigentlich ganz wohl auf der neuen Schule; ich war zwar nicht der Mittelpunkt der Klasse, aber der Außenseiter war ich auch nicht. Ich hatte ein paar Freunde und somit war ich zufrieden.
Unsere Klasse lag mit den anderen drei fünften Klassen in einem "Pavillon", wie es offiziell hieß. Allerdings nannten sowohl Schüler als auch Lehrer das Ding nur abschätzig "Baracke". Es lag oben auf dem Hügel, an den das Gymnasium gebaut worden war und somit etwas abseits vom Rest der Schule. Nur das Internat und die Sporthallen lagen direkt daneben. Für uns war das super, wir hatten unsere Ruhe und keiner von den "Großen" störte uns.
Die erste Stunde begann um 8:15 Uhr. Zumindest offiziell. Da aber auch Lehrer morgens noch nicht so fit sind und ihre Zeit brauchen, um den Berg zu erklimmen, verschob sich die erste Stunde meist um ein paar Minuten nach hinten. Uns war das recht, wir standen an der Eingangstür der "Fünfer-Baracke" und fanden stundenlang Gefallen daran "Er kommt...nicht!" zu schreien und hin und her zu rennen, bis wirich deswegen emahnt wurden.
Ich war immer einer der ersten in der Klasse, mein Bus kam immer schon sehr früh an. Später hätte ich mir das gewünscht, man hätte die Zeit schließlich gut zum Hausaufgaben abschreiben nutzen können. In der fünften Klasse lag mir das aber noch zu ferne.
Es gab außerdem andere Dinge, die mich viel mehr interessierten. Allen voran J. Sie war meine erste große Liebe. Ich wusste damals nicht, was das heißt und ich hab mir auch nie die Frage gestellt, was ich für sie empfinde. Ich wusste einfach, dass ich in sie verliebt war (oder verknallt, wie wir sagten). Ich wusste es mit einer Sicherheit, die über jeden Zweifel erhaben war. Und mit einer Sicherheit, die über jeden Spott erhaben war. Das soll schon was heißen in der fünften Klasse. Mir war es egal, ob die anderen das wussten. Aber ihr offiziell meine Liebe gestanden habe ich nie. Ich war doch zu feige. Und ich wusste, dass sie mich nie hätte haben wollen, sie war zu cool für mich, zu sehr im Mittelpunkt. Sie fanden alle toll, ich war beileibe nicht der Einzige. Aber kampflos aufgeben wollte ich nicht. Und da ich nicht manns genug war, ihr meine Liebe zu gestehen, musste ich andere Wege finden, ihr sie zu zeigen.
Ich fand einen Weg. Die Tatsache, immer als erster in der Klasse zu sein, vor allen anderen und vor allen Dingen vor ihr, eröffnete mir die perfekte Möglichkeit: Jeden Morgen ging ich zu ihrem Platz, nahm den Stuhl vom Tisch und stellte ihn auf den Boden. Ich ging zuerst zu meinem Platz, stellte meinen Sachen ab und den Stuhl auf den Boden und dann ging ich zu ihrem Platz. Nur ihr Stuhl und mein Stuhl. Nur sie und ich.
Sie wunderte sich schon etwas darüber, dass ihr Stuhl immer als einziger auf dem Boden stand und irgendwann verriet mich auch jemand. Ich glaube sie sagte damals, dass sie ihren Stuhl gerne selber runternehmen würde. Doch das sollte mich jedoch nicht davon abhalten, ihr meinen Liebesbeweis kontinuierlich weiter zu erbringen. Sie hatte es verdient, sie war schließlich meine große Liebe.
Wenn ich ehrlich bin, war ich danach nie wieder so kompromisslos verliebt wie damals mit elf Jahren. Alle weiteren Beziehungen gründeten mehr auf Sympathie und waren durchzogen mit Zweifel und Unsicherheit. Niemals danach war ich so überzeugt von meinen Gefühlen einer Frau (oder einem Mädchen) gegenüber.
Ich bin sicher, dass das irgendwann wieder kommt. Wünsche mir diese Einfachheit, Gefühle zuzulassen und die kindliche Kreativität, sie zu zeigen. Nur diesmal bitte auch mit positiver Antwort.
 

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