archiv und filialen
blogroll
disclaimer
mission statement
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
icon14

 
Ich erkenne sie ja immer schon sehr früh, selbst, wenn sie in Zivil sind. Sie wollen Zeitungsabos verkaufen, Spenden für krebskranke Kinder sammeln, Meinungen erforschen, mir eigentlich ja nur was Gutes tun - und nebenbei daran etwas Geld verdienen.
Wann immer ich sie sehe, halte ich kurz inne, um meine Route neu zu berechnen. Rechts am Berliner Zeitungs-Infostand vorbei, dann fast quer zur Straße wieder auf die andere Seite, um den Menschen vom Kinderkrankenhaus auszuweichen, dann mit einem kleinen Schlenker um die Anti-Walfang-Aktivisten herum und am Ende hilft dann nur noch ein bestimmter Blick und ein schneller Schritt, um die Phalanx der Samariter-Jungs zu durchbrechen, die sich wenigstens in rote Westen geschwungen haben, so dass man sie auch aus den Augenwinkeln heraus heranschnellen sieht. Ich habe mir inzwischen einen solch geschäftigen Gesichtsausdruck antrainiert, der sie abhalten soll, auch nur daran zu denken, mich anzuquatschen. Ich bin sogar selbst von dieser Geschäftigkeit derart überzeugt, dass ich auf der Straße ansonsten nichts mehr wahrnehme. Nur Ideallinien und Feindbilder.
Fies werden diese kapitalistischen Missionare allerdings, wenn sie sich auf traditionelle Kriegsführung besinnen und sich an Orte stellen, an denen man an ihnen vorbeilaufen muss. In Angriffsnähe. Sie dringen also in meine Komfortzone ein, ohne dass ich auch nur das Geringste dagegen tun könnte.
So auch heute die junge Dame von der Berliner Zeitung. Das sie von der BZ war, wusste ich vorher nicht, sie war nämlich ohne Infostand oder Uniform unterwegs. Die Zugehörigkeit zu einer der oben ausführlich beschriebenen marodierenden Banden war aber dennoch sehr offensichtlich. Erstens steht niemand freiwillig in der U-Bahnstation Rathaus Neukölln "einfach nur so" herum, zweitens hatte sie eine dieser kunstledernen Schreibunterlagen, die die da immer haben.
Ich befahl meinen Beinen, die kleine Halle so links als nur möglich zu durchqueren und streifte schon fast sämtliche Auslagen der Bäckerei oder des Zeitschriftenfachhandels - ich weiß nicht mehr, was für ein Geschäft es war. Ich hatte keine Kapazitäten mehr frei, auf solche Kleinigkeiten zu achten, da ich SIE in den rechten Augenwinkeln beobachten musste - doch als sie mich sah, eilte sie auch schon mit großen Schritten auf mich zu. Zu ihrer Verteidigung sei zu sagen, dass es auch unangenehmere Vertreter ihrer Art gibt. Und hässlichere.
"Hallo, gehst du gern ins Kino?" sagte sie, eröffnete damit das Spiel und heftete sich an meine Fersen. "Ähhhhh..." antwortete ich, mich weltmännisch überlegend gebend, "Sorry, keine Zeit." - "Kein Problem, ich komm ja mit." - "Ins Kino?" - "Ne, richtung Bahn." Wobei ich das Konzept, dass sie mit ins Kino gekommen wäre schon als durchaus innovativ gewertet hätte. Egal, was sie hätte verkaufen wollen. "Liest du gerne Zeitung?" - "Was für eine?" - "Berliner Zeitung." Ich griff zurück aus mein Äh, das konnte ich wenigstens: "Ähhhhh, ne, für Tageszeitungen hab ich keine Zeit. Hab das schonmal probiert." - "Das ist schade, blabla, Angebot, bla, Kinogutschein, bla, vier Wochen Probeabo, bla." - "Ich wohne leider nur noch zwei Wochen in Berlin. Das lohnt sich gar nicht." - "Oh, ja stimmt, das lohnt sich nicht. Tja, danke trotzdem." - "Gern, tschüss." - "Tschüss."
Wobei, ins Kino hätte ich in den zwei Wochen schon noch gehen können.
 

twoday.net

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma
AGB