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Es war irgendwo in der Nähe von Blacksburg, Virginia. Die Fahrt hatte bereits weit über zwei Stunden gedauert und führte über die teilweise abenteuerlichsten Pisten. Auf drei Autos aufgeteilt holperten wir Waldpfade hinauf und hinab, die im Atlas als praktische Abkürzungen ausgewiesen waren. Kürzer war es definitiv, geringer war der Verschleiß für die Autos allerdings nicht. Vor allen Dingen nicht auf der Rückfahrt, als die sechs Mann im kleinen Ford Escort Kombi dessen Unterboden in Zusammenarbeit mit dem Dreck und den Steinen des Feldweges zu einem nicht-aufhörenden Funkenfeuerwerk veranlasste. Aber wir waren richtig. J. kannte die Gegend. Er war unser Joker auf den fünf Tagen, die vor uns lagen, denn im Gegensatz zu uns war er ein Profi - ein Thru-Hiker.
Zwei Jahre zuvor war er den gesamten Appalachian Trail durchgehiked, das heißt 3.500km von Georgia bis rauf nach Maine. Wir begnügten uns dagegen mit Section-Hiking und wollten nur fünf Tage auf dem AT verbringen und bis Roanoke wandern.
Unser Ausgangspunkt lag in einem kleinen Dorf abseits von Blacksburg. Es gab nur ein paar Häuser und eine kleine Kirche. J. erinnerte sich an ein bestimmtes Haus. Alte Leute wohnten dort, sagte er, die machen jeden Sonntag Eiscreme für die Wanderer; ein perfekter Start für unsere Tour. Zumindest konnte man dort fragen, wo man die Autos abstellen kann.
Als wir das Haus erreichten sah es jedoch ein bißchen verlassen aus, keine Spur von einem alten Ehepaar und schon gar nicht von Eiscreme. Aber es war auch nicht Sonntag.
Wir blieben mit unserem Auto am Straßenrand stehen, während sich M.'s grüner Ford Taurus mit J. in die kleine Einfahrt begab. J. stieg aus und ging Richtung Haus, um zu klingeln. Kurze Zeit später öffnete jemand die Tür, allerding kein älterer Herr oder eine ältere Dame, es war ein Typ im Unterhemd, Ende Zwanzig, Anfang Dreißg. Kräftig gebaut und und mit allerlei Fettpolstern und an den Oberarmen mit Tattoos versehen. Ein zugegebenermaßen recht bitterer Anblick, vor allem dann, wenn man nette alte Leute erwartet. Diese jedoch wohnten dort nicht mehr, wie wir später erfahren, sondern dieser Junge Herr mit seiner Familie. Doch vorher stellt sich ein weiteres Familienmitglied vor. Ein ca. achtjähriger Junge kommt aus der Tür und baut sich auf der Veranda auf. Er hat kurze dicke Beine, einen sehr voluminösen Torso und einen irren Blick. Ich muss an "Mini-Me" denken, denn er ist die Kopie seines Papas, der neben ihm steht.
Wer in unserem Auto zuerst anfing zu lachen, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich nur an meinen ersten Kommentar: "That's a monster child". Der kleine Junge konnte mich zwar nicht hören, aber er tat alles, um meine Aussage zu untermauern. Im nächsten Moment rannte er wild schreind und gestikulierend los, die Veranda hinunter und durch den Vorgarten. Er kam ein wenig auf uns zu und drehte dann wieder ab und weiter seine Runden über die Wiese, wild schreiend und sich mit den Händen auf die Brust schlagend.
Wir entfernten uns sehr schnell von dem Haus und parkten unsere Autos lieber auf dem Kirchparkplatz, hoffend, dass wasimmer diesen Jungen trieb, dort gebannt sein möge.
Irgendwie war aber auch das ein guter Start für die Tour. Man läuft definitiv schneller mit einem Monsterkind im Rücken als mit Eiscreme im Magen.
 

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